FAQ

Frequently asked questions

Die folgenden Fragen werden immer wieder an das Team der Fachstelle Kinderwelten gestellt. Das Team versucht hier, sie zu beantworten.
Welche Fragen haben Sie? Senden sie uns eine E-Mail!

Was bedeutet „Kinderwelten“?

„Kinderwelten“ sind die vielen Welten, in denen Kinder aufwachsen. Es sind die jeweils spezifischen Ausschnitte von Lebenswirklichkeit mit großen Unterschieden der Familienkulturen, der Auswirkungen sozialer Ungleichheit, der Verfügung über Ressourcen, der gesellschaftlichen Anerkennung und der Zukunftsperspektiven.
„Kinderwelten“ sind auch die eigensinnigen Bilder von der Welt, von sich selbst und von anderen in dieser Welt, die Kinder in einem aktiven Aneignungs- und Lernprozess konstruieren. In diesem Prozess verarbeiten sie auf kreative Weise auch die bewertenden Botschaften über sich und andere Menschen, die sie aus ihrem Umfeld erhalten.
Nach einigen Diskussionen haben wir 2000 beschlossen, unser erstes Projekt zur Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung so zu nennen – und uns damit diese beiden Aspekte der Welten der Kinder immer wieder in Erinnerung zu rufen. Inzwischen steht der Name für unseren Ansatz.

Wir haben doch alle Vorurteile, oder?

Niemand ist vor Vorurteilen gefeit. In privaten Beziehungen treiben sie munter ihre Blüten: Auf der Grundlage von Vorurteilen urteilt man schnell über andere, trifft Entscheidungen, mit wem man zu tun haben will und mit wem nicht usw. Doch die Auswirkungen von Vorurteilen überschreiten das Private. Sie wiegen teilweise schwer und das ist der Grund, sich mit ihnen zu beschäftigen, wie wir das in der Fachstelle Kinderwelten tun. In ungleichen Machtverhältnissen werden Vorurteile häufig zur Rechtfertigung von Diskriminierung und Ausgrenzung mancher Menschen oder sozialen Gruppen  herangezogen. Je nachdem, welchen gesellschaftlichen Einfluss eine Person hat und wie weit sie sich bei ihrer Einflussnahme von ihren Vorurteilen leiten lässt, können solche Vorurteile Menschen privilegieren oder benachteiligen. Das heißt, sie bleiben keine „private“ Angelegenheit, ihre Auswirkungen gelangen in die öffentliche Sphäre, dahin, wo es um den Zugang zu Ressourcen und Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen geht. Autoritätspersonen in öffentlicher Verantwortung und Menschen in Machtpositionen – hierzu gehören auch Erzieher_innen und Lehrer_innen – sollten sich mit vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung befassen, damit sie sich dieser Reichweite ihres Handelns bewusst werden. Sie sollten es tun, um Machtvorteile nicht zu missbrauchen, die sie in ihrer öffentlichen Rolle oder über ihr Amt haben. Es ist allerdings ebenso sinnvoll im Privaten, da Etikettierungen, Vorurteile und stereotype Zuschreibungen auch in privaten Beziehungen das Zusammenleben ungemein erschweren können.

Haben pädagogische Fachkräfte mehr Vorurteile als andere?

Fortbildungen zur vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung im Kindergarten richten sich nicht deshalb an pädagogische Fachkräfte, weil sie mehr Vorurteile als andere soziale Gruppen in der Gesellschaft hätten. Jedenfalls ist uns darüber nichts bekannt. Wir wissen auch nicht, ob sie weniger Vorurteile haben als andere. Wie dem auch sei – es geht nicht darum, mit der Gruppe zu beginnen, die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung „am nötigsten“ hat. Wer will sich anmaßen, das zu bestimmen? Dass wir bei der Fortbildung von Erzieher_innen ansetzen, hat eher pragmatische Gründe: Wir sind in erster Linie an der Entwicklung des Praxisfeldes Kindergarten, Krippe und Schule interessiert  und haben hier unseren fachlichen Schwerpunkt. Es sind hauptsächlich die pädagogischen Fachkräfte , die als Profis die Qualitätsentwicklung  in den Bildungsinstitutionen tragen. Sie sind dem Anspruch verpflichtet, alle Kinder in ihren Bildungsprozessen zu unterstützen. Vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Lebensumstände, in denen Kinder in Deutschland aufwachsen, ist dies eine immense Anforderung -an uns alle. Wir unterstützen Fachkräfte  bei ihren Aufgaben.

Ist Vorurteilsbewusste Erziehung nicht in erster Linie Aufgabe der Eltern?

Natürlich ist es sinnvoll, wenn sich Mütter und Väter damit beschäftigen, was sie als Eltern zur vorurteilsbewussten Erziehung ihrer Kinder beitragen können. Aber es ist nicht richtig, dass Kinder Vorurteile ausschließlich oder insbesondere von ihren Eltern lernen. Sobald sich ihr Bewegungsradius vergrößert, nehmen Kinder Informationen und Botschaften über die Welt und über Menschen von überallher auf. Deshalb erschrecken manche Eltern über Äußerungen ihrer Kinder, die sie so nie von ihnen gehört haben können. Wenn die Dreijährige sagt: „Nein, Saniye soll nicht mitessen, sie hat so dunkle Haut!“, dann sind die Eltern, die seit Jahren mit Saniye befreundet sind, schockiert. Möglicherweise hat das Kind genau eine solche Äußerung auch wirklich nirgendwo gehört. Es kann sein, dass es diese Äußerung „selbst gemacht“ hat. Kinder übernehmen nämlich Vorurteile nicht einfach 1:1 aus ihrer Umgebung. Sie verknüpfen das, was sie wahrnehmen, mit vorausgegangenen Informationen und dies immer gemäß ihrer wachsenden kognitiven Fähigkeiten. Man müsste ihre Äußerungen daher immer auch als Ausdruck ihrer gewachsenen Kompetenz und ihrer Klugheit sehen. Und es ist müßig, herausfinden zu wollen, woher sie es haben, denn einseitige Botschaften gibt es einfach überall. Wichtiger ist zu verstehen, was sie damit ausdrücken wollen und verständnisvoll und auch entschieden zu reagieren. Im Fall der Dreijährigen könnte es sein, dass sie lieber nicht in größerer Gesellschaft essen, sondern die eine Bezugsperson lieber „für sich“ haben wollte. Ein solches Bedürfnis ist legitim und dennoch kann ihm nicht immer entsprochen werden. Eltern sollten ruhig nachfragen und die Bedürfnisse der Kinder nicht verurteilen. Und sie sollten klarstellen, dass das Miteinander essen und die Hautfarbe der Freundin nichts miteinander zu tun haben. Was sie noch tun können: Für eine Lernumgebung sorgen, in der man aufmerksam ist für Stereotype und Stigmatisierungen. Nicht vorurteilsfrei sein, denn das ist niemand, sondern vorurteilsbewusst. Das gilt für Eltern, Erzieher_innen, Lehrer_innen – für alle Erwachsenen, die Verantwortung tragen für eine „Kultur des Aufwachsens“.

Auch Minderheiten haben Vorurteile, wieso bei der Mehrheit anfangen?

Angehörige der Mehrheit sind häufig empört oder enttäuscht darüber, dass Angehörige von Minderheiten nicht toleranter oder aufgeschlossener sind als andere Menschen, obwohl sie es – so ist die Erwartung – auf Grund ihrer Erfahrungen doch sein müssten. Vorurteile im Sinne pauschaler Urteile über Menschen, positiver wie negativer, die auf Verallgemeinerungen und stereotypen Zuschreibungen beruhen, gibt es überall, wo Menschen zusammenkommen. Nicht nur die Angehörigen der Mehrheit haben Vorurteile, sondern Angehörige der Minderheiten ebenfalls. Warum auch nicht? Dass jemand selbst das Opfer negativer Vorurteile ist, schützt ihn oder sie nicht automatisch davor, selbst welche zu entwickeln. Auch diese belasten zweifellos die Kommunikation und die Zusammenarbeit. Allerdings haben Minderheiten weniger Machtmittel als die Angehörigen der gesellschaftlich einflussreicheren Mehrheit. Zu den Privilegien der letzteren gehört es, die negativen Begleiterscheinungen der Ungleichverhältnisse auszublenden und weder die Benachteiligungen Anderer noch die eigenen Vorrechte zu sehen. Sie können die eigene Sichtweise als die gesellschaftlich wirkmächtigere immer wieder durchsetzen und erneuern – ohne dies unbedingt zu bemerken. Die „Dominanzkultur“ ist eine Ordnung, die Normalität definiert und damit Hierarchien immer wieder herstellt. Das Festhalten am Privileg, die Leiden und negativen Folgen der Ungleichverhältnisse ignorieren zu können, behindert den Einsatz für Gerechtigkeit. Es ist der Grund, warum die Angehörigen der Mehrheit beginnen müssen – nämlich damit, das Absolutsetzen der eigenen Sichtweise in Frage zu stellen. Und andere Perspektiven wahrzunehmen. Der Schrifsteller Chinua Achebe sagt es in einfachen Worten: „The strong must learn to listen to the weak“. Darin liegt für ihn die Chance, dass Gerechtigkeit erkämpft wird: „If we had enough imagination to put our selves in the shoes of the oppressed, then things would change“.

Werden Kinder nicht auf „Probleme“ hingewiesen, die noch keine sind?

Die Erfahrung, dass ein bestimmtes Merkmal eines Menschen zum Gegenstand von Hänselei und Spott oder sogar von Ablehnung und Ausschluss wird, machen Kinder täglich. Dabei können die „Parteien“ wechseln: Mädchen oder Jungen, die sich eben noch über ein Kind lustig machen, werden kurz darauf selbst zurückgewiesen oder ausgelacht. Es ist jedoch nicht dem Zufall geschuldet, welche Merkmale hervorgehoben oder zum Ausschlusskriterium gemacht werden. Hier spiegeln sich gesellschaftliche Bewertungen wider, die entlang der Unterscheidung nach Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung, sozialer Schicht oder körperlicher Besonderheit existieren. Diese Bewertungen sagen etwas über den gesellschaftlichen Status von Menschen oder sozialen Gruppen  aus, über Privilegien oder Benachteiligungen, die sie in bestimmten Konstellationen und Situationen haben oder akzeptieren sollen. Kinder sind vor diesen Realitäten nicht abzuschirmen. Wach und aktiv, wie sie sind, entnehmen sie ihrer Umgebung ständig Informationen über die Beschaffenheit dieser Welt, auch der sozialen Welt. So werden Vorurteile und Diskriminierung auch zu Angelegenheiten der Kinder. Gibt es keinen Widerstand dagegen, keine Beispiele von Solidarisierung und zivilgesellschaftlichem Engagement, können Kinder schlussfolgern, Ungerechtigkeiten wie die Abwertung und Ausgrenzung von Menschen seien in dieser Welt „normal“ und müssten hingenommen werden.

Warum nicht einfach nur die Vielfalt feiern, sondern über Diskriminierung reden?

Zu den bedeutsamen Lebenssituationen von Kindern in Deutschland gehört die Vielfalt an Lebensweisen von Menschen, mit der sie in ihrem nahen und weiteren Umfeld konfrontiert sind. Sie sind es spätestens in den Kindertageseinrichtungen und Schulen, wenn sie mit Kindern aus Familien zusammen kommen, die anders aussehen, sich anders benehmen, anders sprechen, an einen anderen Gott glauben und anderes essen und feiern als ihre eigene Familie. Sie sind konfrontiert als Stadtkinder wie als Dorfkinder, als Kinder im Westen wie im Osten, als Kinder aus Familien, die aus wohlhabenden oder ärmeren Verhältnissen kommen als Kinder von Eltern, die jüngst hier eingewandert oder hierher geflüchtet sind wie auch als Kinder, deren Familien seit Generationen hier leben. Natürlich war auch die frühere „Homogenität“ nur eine relative, soziale Unterschiede und Zuwanderung z.B. hat es immer gegeben. Die Palette an Unterschieden ist zweifellos breiter und bunter geworden. Aber auch wenn ihnen die Werbung glauben machen will, Unterschiede seien schön, trendy, „in“ und als wäre es das einfachste der Welt, zusammen zu kommen und gemeinsam das Leben zu genießen (wie in „United Colours of Benetton“), so machen Kinder die Erfahrung, dass die Unterschiede unterschiedlich bewertet werden. Manche Merkmale von Menschen gelten als positiv, manche als negativ. Mit manchen Menschen ist Kontakt erwünscht, mit manchen nicht. Über manche hat man schlechte Meinungen, ohne jemals Kontakt gehabt zu haben. Es gibt Vorbehalte und Vorurteile, stereotype Bilder und Stigmatisierungen. Es gibt Unterschiede, die so unüberbrückbar erscheinen, dass Kinder nichts miteinander anfangen können und sich fern bleiben, auch wenn sie in derselben Kindergruppe oder Klasse sind. Wie Kinder die Bewertung von Unterschieden erleben, ist sehr stark daran geknüpft, welcher gesellschaftlichen Gruppe sie und ihre Familie angehören. Je nachdem, ob Kinder der dominanten Mehrheit oder einer marginalisierten Minderheit angehören, erleben sie die in den Werturteilen enthaltenen Normvorstellungen als Bestätigung oder Ablehnung ihres So-seins. Werden die Normvorstellungen nicht reflektiert, so bedeuten sie eine Beschädigung für alle Kinder durch die implizite Botschaft, anderen überlegen oder unterlegen zu sein.

Wir haben keine Ausländer, brauchen wir den Ansatz überhaupt?

Der Ansatz Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung als inklusives Praxiskonzept richtet sich nicht in besonderer Weise an Einrichtungen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Es geht in einem umfassenderen Sinne um Respekt für die Vielfalt und gleichzeitig das Nichtakzeptieren von Diskriminierung und Ausgrenzung. Dies ist überall da gefordert, wo ungleiche Machtverhältnisse dafür sorgen, dass bestimmte Merkmale von Menschen zur Benachteiligung oder zum Privileg gereichen – also praktisch überall in unseren Gesellschaften. Der Ansatz hilft zu erkennen, entlang welcher Unterscheidungen im jeweiligen Kontext Diskriminierung verläuft: Welches Merkmal spielt welche Rolle? Welche Auswirkungen hat die Privilegierung, welche die Benachteiligung? Welche Interessen werden dadurch unterstützt? Welche Formen der Verinnerlichung von Dominanz und Unterdrücktsein gibt es? Sozioökonomische und zeitgeschichtliche Entwicklungen spielen eine Rolle. So zeigten erste Reflexionen in unserem Projekt, dass die Sozialisation der Beteiligten in Süddeutschland stark geprägt ist von Zugehörigkeiten zur christlichen Kirche, und dass sich Ausgrenzung daran festmachte, welcher Konfession man angehörte. Die Thüringer Kolleg_innen erinnern sich, dass in der DDR die Scheidelinie eher zwischen Nicht-Konfessionellen und Konfessionellen verlief und mit Repressionen für die Konfessionellen verbunden war. Das Gute am Ansatz Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung: Es werden Ursachen und Reichweite der abwertenden Unterscheidungen in den Blick genommen, die es in einem bestimmten Kontext tatsächlich gibt und unter denen Menschen leiden. Ziel ist, sie nicht länger hinzunehmen und damit dort zu beginnen, wo Kinder sind: in Krippen, Kitas und Schulen.

Passt ein Ansatz aus den USA für Deutschland?

Natürlich müssen die Strategien und Schwerpunkte einer vorurteilsbewussten Arbeit in Deutschland andere sein als in Kalifornien. Adaptationen in anderen europäischen Ländern (Niederlande, Belgien, Großbritannien) belegen die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Kontext jeweils genau zu bestimmen. Unsere bisherigen Erfahrungen legen nahe, dass wir hier in Deutschland sehr viel deutlicher die Vielfalt und die Diskriminierungen entlang von Sprache und sozialer Klasse berücksichtigen müssen, als es in den vorliegenden Schriften zum Anti-Bias-Approach aus den USA der Fall ist, die sich stark auf die Hautfarbe beziehen. Die Ziele und Prinzipien erscheinen uns allerdings sehr hilfreich, um bisherige Konzeptionen interkultureller Pädagogik deutlicher auf Fragen von Ausgrenzung und Diskriminierung zu fokussieren und hierbei das Erleben und die Deutungen der Kinder in den Blick zu nehmen. Es ist dies eine Aufmerksamkeitsrichtung, die bisher vernachlässigt wurde. Diesem Versäumnis ist es wohl mit anzulasten, dass hiesige interkulturelle Arbeit nach wie vor oft „touristisch“ oder „farbenblind“ angelegt ist.